Jahresgabe Nr. 10

Jahresgabe Nr. 10 des Kunstvereins Nördlingen

Jan-Hendrik Pelz
„Bildgläser für Nördlingen“, 2011

Zeichnung, Malerei oder Grafik in wassergefülltem Einmachglas
Acryl, Farbtusche, Bleistift auf PapierSignierte, datierte und auf 180 Exemplare limitierte Auflage


Jan-Hendrik Pelz hat grafische oder malerische Arbeiten in handelsübliche Einmachgläser gelegt und diese mit Wasser aufgefüllt.
Ab dem Zeitpunkt des Verschließens im Wasserbad setzt unwiederbringlich eine zerstörerische Wirkung ein, bei der sich das kostbare Kunstwerk zu zersetzen beginnt. Verschiedene Faktoren wie die Papierbeschaffenheit, die Bearbeitung des Papiers und der Umgang mit dem Objekt werden dabei das ein oder andere Glas schneller „altern“ lassen.„Meine Blätter“, schreibt Jan-Hendrik Pelz1, „sind nun umgeben und durchtränkt mit Wasser, einer Substanz aus der sich letztendlich alles Leben auf diesem Planeten entwickelt hat. Sie durchlaufen eine Entwicklung, ändern ihre Farbigkeit und Form, geben Eigenteile ab, saugen auf und sind gebunden in einen fortschreitenden Prozess. (…) Diese Transformation zu einer Art Schlamm legt Erinnerungen an die so betitelte ‚Ursuppe’, eine Art Urschlamm frei.“Der individuelle Charakter eines einzelnen Werks verliert sich in einer nicht vorhersehbaren Zeitspanne. Am Ende werden alle „Bildgläser“ relativ gleich aussehen, wenn sich an ihrem Grund nichts weiter als ein Papierbrei befindet.
Dieser „elementare Schlick“ ist nach Pelz Teil einer fundamentalen Lebenseinstellung. Alles, was existiert, ist der Veränderung preis gegeben. Das Spiel des Zerfallens und Werdens als Kreislauf des Daseins ist auch ein Spiel mit dem Faktor Zeit. Das „Sehnen nach der Unendlichkeit, die Verlagerung der Hoffnung in ein Reich jenseits der Sterblichkeit, die Überwindung der Welt (ist) nicht mehr nötig, wenn diese gegenwärtige Ewigkeit als unauslöschbares Inventar der Zeit und des Raumes begriffen wurde.“ Diese Gedanken des Künstlers nehmen seiner Arbeit letztlich auch einen Teil ihrer Aggressivität.

Jan-Hendrik Pelz (1984 in Filderstadt geboren), Student der Klasse Christian Jankowski an der Stuttgarter Akademie, hat sich intensiv mit Konzeptkunst auseinandergesetzt, die auch Eingang in sein eigenes Schaffen genommen hat. Neben der bildkünstlerischen Arbeit schreibt Pelz auch Gedichte, Kurzgeschichten und Texte zu seinem Werk.

In diesen Kontext gehört seine Aktion „Gutschrift“ aus dem Jahr 2010, auf welche die Nördlinger „Bildgläser“ zurückgehen. Durch die Zusendung einer Gutschrift aus mehreren Kunstzeitschriften und -magazinen erhielt jeder Besteller eine Papierarbeit in einem Wasserglas zugesendet. „Dem Unterzeichnenden wird ein Besitzanspruch zugesichert, er drückt durch die Bestellung einerseits sein Entgegenkommen und seine Leidenschaft zur Kunst aus, doch unterschreibt er gleichzeitig einen Gutschein, der auch als ein Vertrag gesehen werden kann, der mich verpflichtet, Kunst zu zerstören.“
Die Interaktion zwischen Kunstempfänger und Kunstmacher führt letztlich zur Herstellung von Kunst, denn ohne das Ausfüllen des Gutscheines kommt das Kunstwerk nicht zustande.
Ebenso sind die „Bildgläser für Nördlingen“ nur dann zu bekommen, wenn das Vereinsmitglied eine beiliegende Gutschrift ausgefüllt an den Künstler weitergibt.

Der konzeptuelle Ansatz im Schaffen von Jan-Hendrik Pelz war Anlass, ihn zur Beteiligung an der Ausstellung „Connectings – Kunst von heute nimmt Bezug auf die Sammlungen des Nördlinger Stadtmuseums“ anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Kunstvereins Nördlingen im Jahr 2011 einzuladen.
Sein Konzept, Künstler und Kunstrezipient miteinander zu verbinden, ließ Pelz im Vorfeld der Ausstellung, als das Stadtmuseum während der Winterpause noch geschlossen war, Interviews mit Nördlinger Bürgern zu ihren Erinnerungen an die örtliche Sammlung führen. Ihre Beschreibungen dienten dem Künstler dann als Erinnerungsprotokolle zur Herstellung von Gemälden. In der Ausstellung wurden die danach entstandenen Malereien direkt neben den beschriebenen Vorbildern gezeigt, was auch zur Diskussion über Wahrnehmung und ihre Mechanismen führte.
Mit seinen Datensammlungen, seien es Erinnerungsprotokolle oder ausgefüllte Gutschriften, spricht der Künstler auf das sehr diffizile Verhältnis zwischen Individuum und Öffentlichkeit an und ebenso auf die immer schwieriger werdende Vermittlung künstlerischer Ziele: „Kunst ist es nicht möglich Kunst zu sein, solange sie nicht wahrgenommen wird.“

Dr. Sabine Heilig, im November 2011