Jahresgabe Nr. 9

Jahresgabe Nr. 9 des Kunstvereins Nördlingen

Johannes Pfeiffer
„Tore in Bewegung“, 2010

blaue und orangefarbene (Terra di siena bruciata) Tusche bzw. schwarze Tinte auf Bütten
23,5 x 21,5 cm
Signierte, datierte und auf 150 Exemplare limitierte Auflage


Einfache, grafische Zeichen: zwei vertikale, in geringem Abstand nebeneinander gesetzte Formen, darauf eine horizontale Form, die wie ein Balken auf den beiden anderen ruht. Mit wenigen Pinselstrichen ist eine klare Form entstanden, die an zwei Pfeiler und einen Querträger erinnert, an ein Tor oder eine Tür denken lässt, an ein architektonisches Element also. Die Form ist unten offen geblieben, die Tür ein Spalt breit geöffnet. Bei manchen Arbeiten sind jedoch die Farbbalken ineinandergeflossen und haben den Durchgang verschlossen. So entstand eine kompakte und hermetisch abgeschlossene Form, wie eine verriegelte Tür.

Johannes Pfeiffers „Tore in Bewegung“ stehen ganz unvermittelt da – nicht immer zentral gesetzt, leben sie von der spontanen Geste des Künstlers. Dieser hat beim Zeichnen abgesetzt und die Form des Tores nicht in einem Schwung genommen, sondern mit geschlossenen Augen ganz bewusst dem nach unten geöffneten stehenden Rechteck nachgespürt.
Jedes Motiv ist einzigartig – kein Tor ähnelt dem Anderen. Mal sind die Pinselstriche von der Farbe getränkt dicht und voluminös und von geraden Konturen bestimmt. Dann wieder sind sie durchscheinend, von geringerer Farbintensität, an den Rändern ausgefranst. Man glaubt, die Formen schweben auf der weißlichen Fläche des Büttenpapiers, sie seien „in Bewegung“, nicht statisch und fest gefügt in einem Endzustand, sondern noch in der Veränderung begriffen.
In ihrer Einfachheit erinnert die Zeichnung auch an kaligraphische Schriftsetzungen. Der zeichenhafte Charakter eines Tores, dessen typisches Erscheinungsbild der Künstler mit seinen wenigen Strichen assoziiert, verweist auf die Symbolhaftigkeit der künstlerischen Sprache.

Johannes Pfeiffer, 1954 in Ulm geboren, lebt seit vielen Jahren in Italien. Nach dem Studium der Bildhauerei an den Akademien in Rom und Carrara, wo er zunächst eine klassische Ausbildung in der Bearbeitung von Bronze und Stein erhielt, wandte er sich rasch freieren künstlerischen Ausdrucksformen zu. Sein Hauptaugenmerk richtet Pfeiffer mittlerweile auf die Installation, Objektkunst und Land Art, an deren Anfang immer ein spiritueller und konzeptioneller Ansatz steht. Gerne lässt sich der Künstler mit seiner bildnerischen Sprache auf einen Dialog mit der Architektur ein, reagiert mit Materialien wie Ziegelsteinen, Kiesel oder Holz auf die vorgefundene räumliche Situation.
So zeigte er auf Einladung des Kunstvereins Nördlingen im August 2010 anlässlich des ersten CittaSlow-Festivals der Stadt die Installation „faces nordilingenses“ (2006/2010). In einem abgeschlossenen, völlig schwarzen Raum, in den man lediglich durch zwei kleine, runde Öffnungen hineinschauen konnte, leuchteten schwebende Häuserformen aus Robinienholz unter Schwarzlicht geheimnisvoll auf – Assoziationen mit der mittelalterlichen Stadt Nördlingen waren dabei durchaus erwünscht.

Dr. Sabine Heilig, im November 2010